Metal-Legende Doro Pesch im Interview: "Dann traf ich Lemmy Kilmister" | STERN.de

2022-06-01 06:26:06 By : Ms. UCMOTOR LY

Hallo Frau Pesch, wie geht es Ihnen heute und wie froh sind Sie, wieder Konzerte spielen zu können? 

Es ist super, dass es jetzt wieder losgeht. In den letzten 40 Jahren war ich ständig auf Tournee und in den letzten zwei Jahren war plötzlich alles anders. Auf einmal war ich nicht mehr jeden Tag an einem anderen Ort. Dennoch haben wir versucht, das Beste draus zu machen: Wir haben alles durchgemacht von Autokino, Konzerten, Strandkorb-Konzerten oder Live-Streams. Trotzdem habe ich den Tourbus sehr vermisst. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und die Jungs aus der Crew sind wie Brüder und Familie für mich. Letztes Jahr waren wir noch in England auf Tour.

Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre Corona-Pandemie erlebt? Was macht Doro Pesch, wenn sie keine Musik machen kann?

Ich habe Songs geschrieben und war oft in Amerika. Weil ich eine Green Card habe, durfte ich noch einreisen. Ich liebe alle Tiere. Irgendwann habe ich entschieden, kein echtes Leder mehr zu tragen – und dann wurde ich Veganerin. Nun bin ich immer die, die der Crew versucht, etwas Veganes unterzujubeln. Meistens schmeckt es ihnen, wenn ich mal koche, aber wenn sich danach herausstellt, dass es vegan ist, ist es dann doch nicht mehr so geil. 

Ich liebe Pferde und bin ein typisches Pferdemädchen. Aber auch Hunde und eigentlich alle anderen Tiere auch. Ich hatte mal zwei Papageien, als ich in New York gelebt habe – die habe ich heiß und innig geliebt. Einer hat mich jeden Morgen geweckt, kam angelaufen und hat sich auf mein Dekolleté gelegt. Vorher wusste ich gar nicht, dass Vögel so ein tiefes Verhältnis zu einem Menschen aufbauen können.

Diese Woche ist der erste Termin Ihrer Europa-Tour. Gibt es Highlights auf der Tour, die Sie schon verraten möchten?

Ein Bandmitglied wollte sich nicht impfen lassen. In England ging es dann wieder mit der Tour los und man bekommt keine Arbeitsgenehmigung, wenn man kein Impfzertifikat vorzeigen kann. Auch mit den gemeinsamen Reisen ist es unmöglich. Jetzt haben wir zwei neue Musiker dabei. Einen Brasilianer namens Bill Hudson und Stefan Herkenhoff von der Band Beyond The Black. Wir haben letztes Jahr schon zusammengespielt.

Das wird etwas ganz junges, frisches mit ganz viel Energie, Power und Feuer. So machen wir auch die Setliste. Wir spielen viele alte Klassiker, aber auch Highlights werden dabei sein und jede Menge Überraschungen aus 20 Platten. Wir werden auf jeden Fall auch ungewöhnliche Songs spielen, welche die Fans sicher nicht erwarten. Ich weiß aber genau, dass sie sich darüber sehr freuen werden. Auf der Bühne wird es natürlich schöne Aufbauten, Pyroshows und visuelle Highlights geben. 

Würden Sie sagen, dass Rock-Musikerinnen heutzutage anders wahrgenommen werden als noch vor 20-30 Jahren?

Am Anfang war ich so ziemlich alleine und weltweit gab es nur eine Handvoll Frauen. Früher waren es 98 Prozent Männer auf den Konzerten, heute ist es fifty-fifty. Es gibt ganz viele wunderbare tolle Frauen. Ich habe es nie als schwer empfunden als Frau und immer einfach das gemacht, wofür ich mit Leib und Seele brenne.

Ich würde sagen, dass es am Anfang generell schwierig war, sich als Band weltweit einen Namen zu machen. Dass es als Frau anders war, kann ich nicht sagen. Früher war es auch besonders schwierig, als deutsche Band in England oder in Amerika bekannt zu werden. Man musste sich immer beweisen.

Können Sie uns von dem Moment erzählen, in dem Sie zum ersten Mal mit Metal in Berührung gekommen sind und vielleicht schon dachten: DAS will ich auch machen? 

Musik habe ich schon immer so geliebt. Seitdem ich 3 Jahre alt war, wollte ich Sängerin werden. Als ich meine erste Band hatte, ging das schon los, da wussten wir noch gar nicht, dass wir Metal machen. Das war 1980. Wir haben einfach Musik gemacht, powervoll und heftig. Es gab aber auch Balladen. Wir haben einfach das gemacht, was wir machen wollten. Einen direkten Auslöser gab es nie, wo wir gesagt haben ‘Wir wollen jetzt eine Metalband gründen‘.

Irgendwann machte ich eine Ausbildung zur Grafikerin und habe dabei aber schnell gemerkt, dass es ohne Musik nicht geht. Ich hatte Blut geleckt und wollte mein Leben lang nichts anderes mehr machen. Jetzt haben wir 40-jähriges Bandjubiläum und dass es mal so lange geht, hätte ich damals aber nie erwartet.  

Mit Warlock kam dann der Durchbruch und Jahre später haben wir auf Wacken gespielt. Beim ersten Mal waren 390 Personen dabei und von Jahr zu Jahr wurden es immer mehr. Es war aufregend zu erleben, wie alles immer größer wurde.

Hatten Sie einen Plan B, falls es mit der Musik nicht klappt?

Eigentlich nicht. Es ging mir auch nie um Erfolg. Die Hauptsache war für mich immer, Musik zu machen. In den 90ern gab es eine Durststrecke, als Grunge auf einmal modern war. Da wurden wir an die Seite gedrängt. Solche Momente holen einen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es erinnert einen daran, dass man sich wieder mehr ins Zeug legen muss.

Ich hatte Kontakte zu einem Filmemacher aus der Schweiz und durfte Filmmusik machen. Später wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust habe, eine Rolle zu übernehmen. Der Film heißt "Anuk - der Weg des Kriegers". Das war ein spannendes Projekt. 

Sie haben kürzlich auch einen Preis für Ihr Lebenswerk gewonnen..

Neben Rock Antenne, wo ich monatlich eine Show habe, gibt es noch einen weiteren großen Radiosender in Deutschland für Rock: Radio Bob. Dort wurde zum ersten Mal eine Award-Show gemacht und ich wurde eingeladen. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwartet. Dann war ich Freitag dort und habe den “Lifetime Achievement Award” gewonnen. Einen Preis für mein Lebenswerk. Das ist total toll!  

Glauben Sie, dass Frauen, die mit Musik erfolgreich sein wollen, immer auch automatisch Sexsymbol sein müssen, und zwar durch alle Genres hindurch? Während Männer ja durchaus auch kahlköpfig und bierbäuchig Superstars werden können? 

Bei Metal und Rock ist es noch ein bisschen anders als in der Popmusik. Da sollte man immer sich selber treu bleiben. Das Beste ist, wenn man sich nicht verstellt und auch nicht jeden Mode-Trend sofort mitmacht. Bei Popmusik ist was anderes – da muss man sich regelmäßig neu erfinden. Meistens ist es wichtig, dass man sexy ist. Ich persönlich finde natürlichen Sexappeal viel schöner. Beth Ditto zum Beispiel ist sehr beliebt und erfolgreich, weil sie so ist wie sie ist.  

Ich gehe lieber im T-Shirt auf die Bühne und mache eine richtig geile Show. Sexy ist für mich immer, wenn jemand viel schwitzt bei einem Auftritt. Daran sieht man nämlich, dass jemand alles gegeben hat und voll bei der Sache war. Am liebsten ist mir dann auch noch, wenn die Fans im Publikum alle nass geschwitzt sind und sich total verausgabt haben. Das bedeutet nämlich, dass es gut war.  

Wie erklären Sie sich, dass selbst heute nur so wenig Frauen mit Metal-Musik erfolgreich sind? 

Die Metal-Welt ist voll mit Frauen, nur bekommt man davon nichts mit. Im Fernsehen oder Radio wird davon weniger gespielt. Ich will nicht sagen das Metal Underground ist, dafür wäre die Szene zu groß. Popmusik gibt es häufiger. Konzerte und Festivals sind immer voller Frauen, aber es ist halt kein Mainstream. Das finde ich aber auch nicht schlimm.

Mir war es immer wichtig bei Vorbands, dass es eine Frau gibt. Zumindest eine, die ein Instrument spielt. Bei dieser Tour hat die Vorband keine Frau, aber ich finde es immer ganz schön, um sich mal ein bisschen austauschen zu können. Außerdem benehmen sich die Jungs der Band dann immer total gut, wenn noch eine Frau dabei ist.  

Sie gehören zu den wenigen deutschen Künstlerinnen, die international Erfolg haben. Was meinen Sie, wie Sie das geschafft haben?

Ich bin ich selber geblieben und habe immer alles gegeben. Habe gekämpft, bin immer drangeblieben und habe nie wirklich Auszeiten genommen. Schon als Kind wollte ich immer gern nach Amerika. Es war ein weiter Weg dorthin, der mich über England führte. Da wurde immer alles entschieden damals – und dort hat man einfach alles aus sich herausgeholt was ging. Ich bin ein zähes Kerlchen. Wenn es nicht gleich klappt, habe ich weitergekämpft.  

Wir haben 1986 auf einem riesigen Festival gespielt, das "Monster of Rock Festival", zusammen mit Ozzy Osbourne, Def Leppard und den Scorpions. Wir kamen nach dem Auftritt von der Bühne und alle standen mit strahlenden Gesichtern dort. Die Leute wurden von uns mitgerissen und wir bekamen eine internationale Tour. Dann auch noch mit meiner Lieblingsband: Judas Priest. Wir hatten so viele glückliche Fügungen und ich habe versucht, jede Chance wahrzunehmen.

Haben Sie das Gefühl, dass deutsche Fans Künstlern den internationalen Erfolg oft missgönnen – da gibt es ja Beispiele von Romy Schneider bis hin zu den Scorpions.

Eigentlich nicht. In der Rock- und Metal-Szene ist das nicht so. Das habe ich gemerkt, als wir in Amerika richtig erfolgreich wurden. Da haben einen die Leute einfach gefeiert. Alle sind stolz auf den Erfolg gewesen. Ich hatte zu den Fans immer eine super Verbindung – eigentlich schon vom ersten Konzert an. Da gab es schon immer Freundschaft, Vertrautheit und Begeisterung auf beiden Seiten.  

Und in dieser Szene ist es generell ein bisschen anders. Man hat, selbst wenn man sich nicht kennt, ein gutes freundschaftliches Gefühl. Es gab eine Zeit, in der alle Westen mit Patches anhatten. Wenn man die anhatte, wusste sofort jeder, dass man auf einer Wellenlänge ist. Ein Gefühl wie in Wacken. Da fühlst du dich sofort mit jedem verbunden.  

Mit welchen Musikern würden Sie gerne nochmal einen Song aufnehmen?

Mittlerweile habe ich 40 Duette aufgenommen. Es gibt noch viele Künstler, mit denen ich gern was machen würde, aber eigentlich habe ich schon mit so vielen Leuten gearbeitet. Vielleicht kommt mal eine Duett-Platte.  

Sie haben nun als Musikerin schon so viele Jahre Erfahrung, könnten Sie sich vorstellen, ein Buch über Ihr Leben zu schreiben?  

Ja, ich hatte mal angefangen ein Buch zu schreiben vor ein paar Jahren. Das hat mich aber so aufgewühlt, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Es war nicht immer alles gut und dann kamen Erinnerungen hoch, die mich voll fertig gemacht haben. Ich möchte mich lieber auf positive Dinge konzentrieren, wie eine Tournee und schöne Songs.  

Zudem war ich mir auch sicher, dass ein Buch von mir sofort auf dem Index landen würde. Also müsste ich zwei Bücher schreiben – eins mit normalen Erlebnissen und eins für die Leute, die Nerven wie Drahtseile haben. Vielleicht mache ich das irgendwann nochmal.

Möchten Sie uns ein Beispiel erzählen eines solchen Erlebnisses? 

Wir waren mal in Amerika auf Tour, mitten in der Wüste in Nevada. Unser Tour-Manager war in dem Club, wo wir auftreten sollten, und rief uns dann an. Wir waren in einem kleinen Motel und warteten darauf, dass er uns zum Soundcheck holt. Der Tourmanager war sehr aufgeregt und sagte, dass wir dort auf keinen Fall spielen sollen – und es lebensgefährlich wäre. Als Begründung wurde dann gesagt, die Sängerin sei krank.  

Kurze Zeit später kam ein Anruf von der Rezeption, dass der Veranstalter zusammen mit 20 Schergen und Baseballschlägern die kranke Sängerin sprechen wolle. Wir flohen über die Feuertreppe, eilten in den Tourbus und fuhren weg. Sie verfolgten uns mit Pickup-Trucks fünf Stunden lang. Ich schaute regelmäßig hinten aus dem Fenster, ob sie noch da sind. Irgendwann ging der Sprit aus und sie drehten um. Da sind wir sind gerade nochmal so davongekommen.

Das ist ja wirklich eine verrückte Geschichte. Gibt es noch weitere wilde Heavy-Metal-Anekdoten oder schräge Erlebnisse aus Ihrer Laufbahn?    

Ihr kennt bestimmt Lemmy Kilmister von Motörhead. Wir haben uns in den 80ern kennengelernt, als ich in England war. Es gab eine riesige Party und ich sollte mich vorstellen. Da ging es um die Wurst und es wurde entschieden, ob eine Platte erscheint und ob man in die Medien kam.

Ich sollte dort mit einer Band ein Set proben. Nach einer Zeit dachten wir, dass es schon irgendwie hinhauen wird. Weil ich dann noch ein paar Stunden Zeit hatte, bin ich in London umhergelaufen. Irgendwann fing es an zu regnen, wurde dunkel und kalt. Also wollte ich mich aufwärmen. Dann traf ich Lemmy.

Er stand mit einer Zigarette zwischen seinen Zahnlücken in der Tür und grinste mich an und sagte “Ah, die Doro von Warlock”. Wir haben uns sofort angefreundet und er wollte einen Whiskey mit mir trinken. Ich vertrage nicht viel Alkohol, weil ich eigentlich ganz selten oder eigentlich nie etwas trinke. Ich machte eine Ausnahme. Wenn man mit Lemmy trinkt, ist das 90 Prozent Whiskey und 10 Prozent Cola – wenn überhaupt.

Wir haben angestoßen, ein paar Zigaretten geraucht und irgendwann war in den Drinks nicht mal mehr Cola. Wir saßen Arm in Arm und lachten uns kaputt und er fragte irgendwann, ob ich mich nicht irgendwo vorstellen muss. Ich hatte total die Zeit vergessen und war schon zu spät dran. Dann konnte ich den Club nicht mehr finden, weil alles gleich aussah. Als ich ankam, war Totenstille. Die Band wartete auf der Bühne. Es ging um alles. Als wir endlich anfangen konnten, hatte ich alle Texte vergessen.

Ich habe mich dann auf ein Podest gesetzt und gewartet bis die Band fertig war. Als sie fertig waren mit dem Instrumental und wir von der Bühne gingen, hieß es: "Ok, das war’s mit deiner Karriere." Ich sagte dann: "Naja, dafür bin ich jetzt die beste Freundin von Lemmy Kilmister." Lemmy stand in einer Ecke und lachte sich kaputt und sagte, dass wir jetzt ein Team sind. Dann mussten alle mitlachen. Uns wurde dann nochmal eine zweite Chance gegeben und ich habe doch noch den Plattenvertrag bekommen. Wir konnten weltweit die Tour machen und wäre Lemmy nicht gewesen, wäre das mein Ende gewesen.

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